Internetnutzung in der Krise – Sozial Schwache werden ausgegrenzt

Die Zahlen sehen vielversprechend aus: Diese Woche hat Facebook bei seinen Mitgliedern die 200 Millionengrenze überschritten, Twitter zählte im Monat März 14 Millionen Twitter Unique Visitors.

Bei allem Jubel über steigende Nutzerzahlen und wachsendes Dialogbedürfnis von Kunden, Konsumenten und Unternehmen, darf man nicht vergessen: An Orten wie diesem wird kein User Generated Content mehr erstellt und keine persönliche Online-Reputation mehr gepflegt.

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Bild: Zeltstadt in Sacramento. Quelle: flickr.com

In der Zeltstadt am Rande von Sacramento in Kalifornien leben die Verlierer der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Auch bei uns in der Schweiz oder in Deutschland gerät das Leben der Menschen durch Jobverlust und ständig steigende Grundkosten für Strom, Wohnen und Gesundheit aus den Fugen und für viele droht der finanzielle und soziale Abstieg.

Welche Auswirkungen haben diese Entwicklungen auf Medien- und speziell die Internetnutzung?

Allzu viele Anhaltspunkte gibt es nicht. Gestützt auf Erkenntnisse aus der Dotcom-Krise der Jahre 2000-2002 macht das Hamburger Marketingunternehmen Initiative Media folgende Aussagen:

  • Damals habe vor allem das TV als Medium gedient, dem Alltag zu entfliehen. Neben dem in Krisenzeiten steigenden Bedarf an Entertainment seien vor allem durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit bedingte sinkende Einkommen, ein geringeres Maß an Mobilität und steigende Zeitbudgets Treiber einer sich ändernden Mediennutzung.
  • Medien, deren Konsum keine Extrakosten produziert und die einen starken Unterhaltungscharakter haben, werden eine verstärkte Nutzung erfahren. Dazu gehören vor allem TV und Internet, da inzwischen fast die Hälfte der Bevölkerung (Angabe für Deutschland!) via Flatrate online ist.
  • Initiative Media rechnet mit einer verstärkten Zunahme der Nutzung von Blogs und Foren, sozialen Netzwerken sowie Online-Games.

Je nachdem wie stark man von der Krise getroffen wird, übersteigen Kosten für Computer und Internetzugang das monatliche Budget, von einer Neuanschaffung ganz zu schweigen. Und wer am Existenzminimum lebt, hat auch weniger Interesse daran, das Internet nach Produktereviews zu durchstöbern oder Preise für Konsumartikel zu vergleichen.

Menschen, die über Jahre in Armut leben, verlieren in unserer Internetgesellschaft schnell den Anschluss, beispielsweise:

  • Kein Zugang mehr zu aktuellen Informationen aus Politik und Wirtschaft
  • Stellensuche wird erschwert: Online-Inserate und Online-Bewerbungen
  • Behörden verlagern Dienste ins Internet und sind somit für sozial Schwache nicht mehr nutzbar
  • Immer mehr Dienstleistungen, die nicht via Internet genutzt werden, werden kostenpflichtig gemacht

Solange jedoch die Nutzungszahlen von Facebook und Co. nach oben zeigen, werden sozial Schwache als tragische Einzelschicksale angesehen, die schlussendlich „nicht systemrelevant“ sind. Mal sehen, ob Massenentlassungen, wie sie eventuell bei Opel und anderen Pleitekandidaten anstehen, die „Systemrelevanz“ erhöhen. Das Dumme an der Sache ist nur: Via Social Networks lassen sich zwar heutzutage schnell Menschen mobilisieren. Wer jedoch ganz unten ist, ist davon bereits ausgeschlossen.








2 Kommentare

  1. Thomas Näf sagt:

    Projekt Internetcafé für Arbeitslose und Armutsbetroffene in Bern

    Das Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen (KABBA) ist eine Selbsthilfe-Organisation von Arbeitslosen und Armutsbetroffenen. KABBA setzt sich mit dieser Projektidee dafür ein, Arbeitslosen und Armutsbetroffenen, welche sich keinen eigenen Computer leisten können, den heute beruflich und sozial unabdingbaren Zugang zu PC und Internet anzubieten.

    Aus finanziellen Gründen von diesem Medium keinen Gebrauch machen zu können, bedeutet eine zusätzliche Benachteiligung von Arbeitslosen und Armutsbetroffenen. Diese sind heute mangels finanzieller Möglichkeiten bereits von vielen sozialen Kontakten abgeschnitten, verlieren Freunde und Bekannte, oft wird der Prozess der Verarmung von familiären Problemen begleitet, Bildungs- und Kulturangebote können nicht mehr wahrgenommen werden und die Ausgrenzung vom Arbeitsalltag begünstigt die Desintegration.

    Das Internet als Kommunikationsplattform hat sich längst in verschiedensten Bereichen etabliert. Die Möglichkeit, auf PC und Internet zurückzugreifen, bietet daher ein Minimum an Kontaktmöglichkeiten, sei dies nun zur Arbeitssuche oder zur Informationsbeschaffung. Das Internetcafé soll in der Stadt Bern eine Gratis-Alternative bieten zu den kostenpflichtigen Angeboten.

    Zur Verwirklichung des Internetcafés ist das KABBA auf Geld- oder Sachspenden angewiesen.

  2. Thomas Näf sagt:

    Das Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffene ist auch auch auf Facebook vertreten.