Wer in Deutschland mit dem Computer aufgewachsen ist und für den Internutzung im Alltag etwas völlig normales ist, steht mit der Bundesregierung in Berlin auf Kriegsfuss. Die so genannte Generation C64 will sich von der Politik jedoch nicht länger als Gruppe von Sonderlingen abqualifizieren lassen, schreibt Spiegel Online:
Eine neue politisch-gesellschaftliche Frontlinie ist sichtbar geworden, eine, die das Klima in diesem Land auf Jahre hinaus prägen könnte. Die Generation C64, die erste, die mit Computern aufgewachsen ist, hat die Nase voll von Herablassung und Gängelung, will sich nicht länger an den Rand der gesellschaftlichen Debatte drängen lassen. (Quelle)
Insgesamt liegt der Anteil der Internet-Nutzer in Deutschland bei 67,1 Prozent der Gesamtbevölkerung (ARD/ZDF Onlinestudie 2009). Dies zeigt, dass gesetzliche Regelungen zur Internetnutzung eigentlich einen Grossteil der Bevölkerung angehen und betreffen. Doch angesichts von Themen wie Kinderpornografie, illegale Downloads oder Gewaltspiele will sich kaum jemand öffentlich engagieren. Und wer dennoch die Online-Petition gegen die Intersperre von Ursula von der Leyen unterschrieb, musste sich weiter in die Ecke stellen lassen:
„Das Ergebnis der Umfrage bestätigt meinen Eindruck, dass es sich bei den Unterschreibern der Online-Petition um Internetliebhaber, Blogger, im Grunde also um eine Minderheit handelt wenn auch eine gut organisierte“, sagte der Chef der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann. (Quelle)
Wer in die laufende Diskussion in der deutschen Blogosphäre einsteigen will, findet beispielsweise bei netzpolitik.org eine kommentierte Linkliste oder kann einfach die Twittersuche benutzen. „#zensursula“ ist der Hash-Tag für alle Tweets zum Thema.
Sind denn die deutschen Politiker nicht im Web 2.0 angekommen? Spiegel Online fasst es so zusammen:
Deutschlands politische Führungsspitze, so der Tenor von zahllosen Blog-Beiträgen, Foren-Postings und Mensa-Witzeleien, ist nicht im Netz angekommen. Daran ändern auch teure Partei-Web-Seiten, Verlautbarungs-Blogs und Podcasts nichts. (Quelle)
Ausgerechnet in dieses Klima hinein starten das ZDF und YouTube das Projekt Open Reichstag. Bis zur Bundestagswahl sind Internetuser und Fernsehzuschauer aufgerufen, sich aktiv in die politische Debatte einzumischen und in Form von Videos ihre Fragen zu stellen oder ihre Meinung zu sagen. Vorbild ist der vergangene US-Präsidentschaftswahlkampf, in dem CNN und YouTube die “YouTube Debates” veranstaltet haben.

Bild: http://www.youtube.com/openreichstag
ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagt dazu:
„Weil wir junge Leute für Politik interessieren wollen. Junge Leute das wissen wir, lesen nicht zuerst Zeitung, sie gucken nicht zuerst Fernsehen, um Informationen aufzunehmen, sondern sie gucken sich erst im Internet um. Und deswegen müssen wir dort sein, wo junge Leute vorbei kommen.“ (Quelle)
Als elektrischer Reporter analysiert Mario Sixtus den Wahlkampf im Internet:
Ich frage mich, wie das gut gehen soll. Auf der einen Seite Bemühungen um Zensur und Überwachung, und anderseits will man Wähler via Internet mobilisieren: So baut sich die CDU um Angela Merkel im Internet ihr teAM Deutschland, inkl. Videobotschaft, Blog und Twitteraccount.
Wer für uns bloggen und twittern will, ist uns als Wähler und Wahlkampfhelfer willkommen – aber bitte ohne den Anspruch auf freien Zugang zu Informationen. Dies scheint das Motto zu sein. Wenn die deutsche Politik diese widersprüchliche Strategie weiter verfolgt, wird sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren – nicht nur im Internet.
Siehe auch
„Bratwurst ich komme…“ oder Politiker auf Twitter (fuellhaas.com)
Internet-Zensur wird salonfähig (Update vom 29.3.2009) (fuellhaas.com)
Die Elite hat Angst (netzwertig.com)
Wider die Ideologen des Internets! (zeit.de)
Warum so viele Politiker im Netz erbärmlich scheitern (welt.de)








[...] Politik 2.0 Auch in der Politik versucht man sich seit Obamas Wahlsieg an Social Media Methoden. Aber in Zeiten der Diskussion über Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren, wirkt der Aufbau des gläsernen Reichstags im Netz doch etwas skuril. Fuellhaas.com [...]
[...] auch Open Reichstag: Wahlkampf mit der Generation C64 (fuellhaas.com) „Bratwurst ich komme…“ oder Politiker auf Twitter (fuellhaas.com) [...]