Das Internet hat keinen guten Ruf. Kinderpornos, illegale Musikdownloads, gewaltverherrlichende Spiele und terroristische Aktivitäten machen Politikern und Teilen der breiten Öffentlichkeit zu schaffen. Während bei manchen Themen ein hartes Vorgehen berechtigt und absolut notwendig ist, kann es jedoch nicht sein, dass immer das „böse Internet“ für alles den Kopf hinhalten muss. Die neuste Spitze ist die Spiegel Online-Meldung „Politiker fürchten Twitter-Manipulationen bei Bundestagswahl“. Wenn Ergebnisse der so genannten Exit-Polls vorzeitig öffentlich werden, hat das mit Twitter herzlich wenig zu tun, aber schon der Titel von Spiegel Online suggeriert etwas anderes.
Wie Politiker mit dem Internet auf Kriegsfuss stehen, hat kürzlich der deutsche Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss treffend analysiert.
Ein grosser Teil der Parlamentarier ist mit dem Internet nicht aufgewachsen. Sie empfinden es daher moeglicherweise sogar als Bedrohung. Sie nehmen es nicht als technisches Netz oder als Kommunikationsinfrastruktur wahr, verstehen nichts von Netzneutralitaet, sondern als etwas, wo man eben Boeses bekommen kann und wo vermeintlich das Boese auch herkommt und die Gesellschaft durchdringt. Das Netz spiegelt nicht Probleme wider, sondern verursacht sie in deren Augen…
Dieser Teil der Partei, zu dem auch Muentefering gehoert, nimmt die “digitale” Welt noch allenfalls als eine wahr, in die man preiswert und ohne Portokosten “etwas hinschicken” kann. Bevorzugt nette Worte ueber sich selbst oder die Partei. Und Obama hat es ja schliesslich auch irgendwie und ganz schick gemacht, auch wenn man gar nicht weiss oder wissen will, was der eigentlich gemacht hat. Aber man will dann doch irgendwie modern sein und twittern oder sonst was schickes, sofern es nicht gerade aus der Fraktion ist oder voreilig das Ergebnis der Bundespraesidentenwahl. Und Sascha Lobo sieht ja trotz allem ganz lustig aus und so, wie man sich diese Internet – Freaks, von denen es ja welche sogar als Waehler (!) geben soll, so vorstellt. (Quelle)
Da wäre gerade jetzt vor den Bundestagswahlen ein zeitgemässer Umgang der Politik mit dem Internet, welches aus mehr als nur den „Internetfreaks“ besteht, bitter nötig. In einer aktuellen Studie will Google Deutschland den politischen Parteien das Internet, und insbesondere das eigene Angebot YouTube, als Kommunikationskanal schmackhaft machen:
Das Internet etabliert sich zunehmend als führende Informationsquelle für politische Themen und Inhalte. Unter Jungwählern und politisch interessierten Jugendlichen hat das World Wide Web die klassischen Kanäle Zeitungen und Fernsehen bereits überholt: Mehr als 60 Prozent der Deutschen unter 30 Jahren informieren sich „häufig“ bis „sehr häufig“ per Internet über das politische Geschehen…
Vor allem jüngere Zielgruppen erachten dabei Online-Videobeiträge als meinungsbildendes Informationsangebot. Neben den Bewegtbild-Nachrichten klassischer Medienseiten schaut sich fast jeder dritte Nutzer (31 Prozent) auch politische Inhalte auf Onlinevideoplattformen an. Vor allem YouTube wird als Plattform für politische Inhalte wahrgenommen… So stuft die Mehrheit aller Onlinevideoplattform-Nutzer das auf YouTube vernetzte Angebot aus professionellen und von Nutzern hochgeladenen, kommentierten und bewerteten Videoinhalten als besonders vertrauenswürdig ein. (Quelle)
Aber nicht nur die Politik tut sich schwer mit dem Internet. Auch in den obersten Chetagen der Fortune 500-Unternehmen haben Twitter und Co. noch nicht Einzug gehalten. ÜBERCEO hat dazu das Social Media-Verhalten der Top-100 CEO’s unter die Lupe genommen und folgendes herausgefunden:
- Nur gerade zwei CEO’s haben einen Twitter-Account
- 13 CEO’s haben einen LinkedIN-Profil
- 81 Prozent haben keine persönliche Facebook-Seite
- Drei Viertel haben einen Wikipedia-Eintrag, vielfach jedoch nur mit unvollständigen und veralteten Angaben
- Kein CEO betreibt einen eigenen Blog
Als mögliche Ursachen vermuten die Autoren von ÜBERCEO Angst vor dem Unbekannten, mangelndes Wissen und mangelnde Zeit.
Es drängt sich die Frage auf, ob der Umgang mit dem Internet und insbesondere mit Social Media, wirklich eine Frage des Alters ist. Immerhin sind Politiker auf Bundesebene und CEO’s meistens in der Altergruppe 50+ zu finden. Aber wer ist denn schon wirklich „mit dem Internet aufgewachsen“, wie Jörg Tauss es sagt? Ich bin es nicht und auch die meisten meiner Blogleser wohl auch nicht. Also kann es nicht nur am Alter liegen, wie man mit dem Internet umgeht, sondern es spielen viele andere Faktoren eine Rolle.
Interessanterweise kommen die grössten Zuwachsraten an Mitgliedern in Social Networks aus der Altersgruppe der über 35-Jährigen, wie eine Umfrage von Nielsen Online schon letztes Jahr herausgefunden hat.

Quelle: Nielsen Online
Mit der Verabschiedung des Gesetzes zur Internetsperre durch den Deutschen Bundestag am vergangenen 18. Juni 2009 ist die Diskussion um den Umgang mit dem Medium Internet noch keinesfalls zu Ende. In verschiedenen Ländern stehen Gesetze zur Internetsperre und Zensur auf der politischen Agenda.
Momentan sind zwei gegenläufige Tendenzen zu beobachten. Viele Unternehmen setzen in ihrer Kommunikation auf Transparenz, User Generated Content und Dialog und integrieren dazu Social Media in ihre Unternehmenskommunikation. Auf politischer Ebene laufen die Anstrengungen genau in die entgegengesetzte Richtung.
Siehe auch
Open Reichstag: Wahlkampf mit der Generation C64 (fuellhaas.com)
„Bratwurst ich komme…“ oder Politiker auf Twitter (fuellhaas.com)
http://www.abgeordnetenwatch.de
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum (netzpolitik.org)
Deutsche Politiker wandeln auf den (Online-)Spuren von Barack Obama (nielsen.de)










[...] auch Transparenz versus Zensur – Gedanken zum Umgang mit dem Medium Internet (fuellhaas.com) Open Reichstag: Wahlkampf mit der Generation C64 (fuellhaas.com) „Bratwurst ich komme…“ oder [...]