
Quelle: facebook.com “Boycott BP”
Bilder wie dieses sind der absolute Albtraum für jeden Brand-Manager. Doch solange das Bohrloch nicht geschlossen ist, werden immer mehr Menschen ihrer Wut auf den britischen Konzern auf verschiedenste Art und Weise Ausdruck verleihen, sei es auf der Strasse oder im Web.

Bild: Proteste vor einer BP-Tankstelle in New York am 28. Mai 2010, Quelle: www.flickr.com/photos/kittenclaw/
Mit jedem erfolglosen Versuch, den Ausfluss von Öl zu stoppen und mit jedem Tag, der verstreicht, sinkt das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit von BP, das Loch doch noch zu schliessen. AP schreibt:
On almost every issue — the amount of gushing oil, the environmental impact, even how to stop the leak — BP’s statements have proven wrong. The erosion of the company’s credibility may prove as difficult to stop as the oil spewing from the sea floor.
“They keep making one mistake after another. That gives the impression that they’re hiding things,” said U.S. Sen. Bill Nelson, a Florida Democrat who has been critical of BP’s reluctance to publicly release videos of the underwater gusher. “These guys either do not have any sense of accountability to the public or they are Neanderthals when it comes to public relations.” (Quelle)
Punkto Glaubwürdigkeit hat es sich BP sogar mit Barack Obama verscherzt:
“Their interest may be to minimize the damage and, to the extent that they have better information than anybody else, to not be fully forthcoming. So my attitude is, we have to verify whatever it is they say about the damage.” (Quelle)
Gleichzeitig steigt das Risiko von Boykott-Aufrufen und verschärften Regulierungen durch die amerikanische Regierung. Auch wenn Boykotte an Tankstellen für den Konzern eine vorübergehende Umsatzeinbusse bedeuten, strengere Auflagen für Ölbohrungen würden BP und die ganze Branche langfristig viel härter treffen.
Greenpeace – beflügelt von ihrer Social Media-Kampagne gegen Nestlé – setzen auf die Kreativität der User, um dem Protest gegen BP visuell Ausdruck zu verleihen. Zudem will Greenpeace damit seiner schon länger laufenden Aktion gegen BP neues Leben einhauchen. BP baut in Kanada seit Jahren so genannten Öl-Sand ab, um daraus Öl zu gewinnen. Diese Methode gilt als besonders „dreckig“, weil sie weite Landstriche verwüstet und doppelt soviel CO2 frei setzt. Greenpeace ruft zu einem „Re-Branding“ für BP auf. Die eingereichten Vorschläge werden auf flickr veröffentlicht.

Quelle: www.flickr.com/photos/greenpeaceuk/
Auch auf Facebook regt sich Widerstand. Gruppen wie “Boycott BP” (214’000 Mitglieder), “Boycott BP Until They Clean Up the Gulf Oil Spill” (14’000 Mitglieder) oder einfach “BP SUCKS!” (2800 Mitglieder) verzeichnen einen rasanten Zuwachs an Mitgliedern.
Das umweltfreundliche „Beyond Petroleum“-Image von BP wird im Internet zu Grabe tragen. Eine prominente Stimme dabei ist auch der Twitteraccount @BPGlobalPR mit bissigen Kommentaren.

BP weiss um die Existenz des Accounts, hat aber bis jetzt keine Schritte unternommen, diesen zum Schweigen zu bringen. Ein BP-Sprecher nahm wie folgt Stellung:
„People are entitled to their views on what we’re doing and we have to live with those. We are doing the best we can to deal with the current situation and to try to stop the oil from flowing and to then clean it up.” (Quelle)
Was wie geschliffene PR-Rhetorik tönt, bringt es auf den Punkt: BP hat grössere Probleme, als einem Twitter-Account hinterher zu jagen. Lösch-Versuche würden aus der Umweltkatastrophe ein zusätzliches Kommunikations-Debakel für BP machen. Vielleicht hat BP ja etwas aus dem Kitkat-Desaster von Nestlé etwas gelernt.
Bleibt die Frage, ob die bis jetzt noch zögerlichen Boykott-Aufrufe eine Wirkung entfalten werden. Horror-Vorbild für BP ist dabei die Affäre um die Versenkung der Plattform Brent Spar im Jahre 1995. Umsätze an deutschen Shell-Tankstellen sanken damals vorübergehend um rund die Hälfte. CNN berichtet von lokalen Auswirkungen:
Along Florida’s Gulf Coast there are signs a boycott may be having some impact. Edison Oil Company, a gasoline distributor in Fort Myers which counts 25 BP stations among its customers, says over the past four days there has been a 30% decline in the volume of gas it is delivering to BP pumps, compared to average daily volume for the past month. (Quelle)
Ein US-weiter Boykott würde in erster Linie die Tankstellenbesitzer treffen:
If there is a drop in BP station gasoline sales though, it is unlikely to have much if any impact on the London-based oil giant, since BP does not own the 11,500 gas stations that carry its logo in the United States. They’re owned by independent franchisees. (Quelle)
Patrick Eakins, Vice president von Edison Oil, glaubt, BP könne die Folgen eines Boykotts einfach ausgleichen:
“You can boycott all you want. But BP can sell product wherever they need to. They are one of the largest trading companies that trade oil on the open market. It’s a global economy. Those gallons will shift elsewhere, if the U.S. doesn’t want them.” (Quelle)
Philipp Aeby, CEO von RepRisk, sieht die grössten Risiken für BP weniger im Bereich Kundenboykotte. Für ihn geht es primär darum, was die Staatengemeinschaft und insbesondere die USA tun. Regulierungen, welche die Nutzung der Ölquellen erschweren, könnten eine strategische Verschiebung für BP bedeuten, zum Beispiel zu einer verstärkten Ausbeutung der Öl-Sande in Kanada.
Interview mit Philipp Aeby in NZZ Impulse vom 27. Mai 2010:
Proteste im Internet und auf der Strasse erhalten den Druck auf BP, das Bohrloch zu schliessen und das Möglichste zu tun in Bezug auf Bewältigung der ökologischen Folgen der Katastrophe und wirtschaftlicher Hilfe für die Anrainerstaaten der Golfregion. Aus dem Reputations-Tief gegenüber den Endverbrauchern wird sich BP in den nächsten Jahren sicher zum Teil herausarbeiten können – schliesslich ist erdölgestützte Mobilität ein Grundbedürfnis von uns allen. Wirtschaftlich entscheidender ist die Reputation gegenüber Regierungen und politischen Behörden. Neue Umwelt- und Sicherheitsauflagen sowie neue Haftungsbestimmungen werden Änderungen in der Geschäftspolitik von BP herbeiführen, welche auch Investoren verunsichern können.
Mehr zum Thema BP hier
BP’s „Deepwater Horizon“: Desaster für Umwelt und Reputation (fuellhaas.com)
Reputations-Risiken im Überblick mit RepRisk (fuellhaas.com)
BP-Boykott funktioniert: US-Amerikaner tanken bei Konkurrenz (fr-online.de)
Öko-Image angekratzt: BP im schmutzigen Ölsand-Geschäft (diepresse.com)
BP setzt in der Krisen-PR auf Transparenz (PR Blogger)
Ölpest im Golf von Mexiko (Artikel, Hintergründe und Fakten) (spiegel.de)
Our Fix-It Faith and the Oil Spill (NY Times)











Ich denke BP wird es extrem schwer haben hier in den nächsten Wochen positives zu berichten. Denn das Problem ist, dass technisch langsam die Alternativen ausgehen.
Erfahrungsgemäß ist es aber so, dass die Menschen doch sehr schnell vergessen. Als die Exxon Valdez gesunken ist, haben die Menschen auch Exxon boykottiert. Das ganze ist zwar schon 21 Jahre her, damals gab es noch gar kein Socisl Media. Daher wird es spannend ob wirklich so viel passieren wird. Für BP selber war der heutige Tag bitter, die AKtie verlor fast 10 Mrd. an Marktkapitalisierung. Zum Vergleich Adidas hat weniger als 9 Milliarden an Wert.
Noch heute sind die Ölrückstände nicht voll abgebaut, weil die speziellen Sand und Gesteinsschichten hier nicht ideal sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,672507,00.html
Darüber hinaus ist BP ein englisches Unternehmen, daher denke ich die Amis werden hier ein Example statuieren.
Für alle die es interessiert hier der Link um in 1.500 Meter Tiefe live zu schauen was passiert.
http://www.de.sharewise.com/boersengefluester/426658
[...] heutige Blog-Artikel von Karsten Fuellhaas greift sehr gut das aktuelle PR-Desaster von BP auf. Aktionen gegen BP und der Unmut über die [...]
[...] Comments Feed Bilder wie dieses sind der absolute Albtraum für jeden Brand-Manager. Doch solange das Bohrloch nicht geschlossen ist, werden immer mehr Menschen ihrer Wut auf den britischen Konzern auf verschiedenste Art und Weise Ausdruck verleihen, sei es auf der Strasse oder im Web. via fuellhaas.com [...]
Danke für den tollen Artikel – sehr gut recherchiert.
Mike Schwede von Orange8 hat letzte Woche zu BP eine kurze Brandanalyse erstellt:
http://www.thomashutter.com/index.php/2010/05/social-media-eine-kurze-aktuelle-brand-analyse-von-bp/
hallo, keine Frage, echt zum K*** diese Sache, doch man sollte nicht einfach auf diese Firma lostreten, denn, erstens hätte dies ebenso einer anderen gleichgearteten Firma passieren können (nach denen schreit kein Hahn) und zudem sind es ja WIR Menschen, die solche eine Gier und Abhängigkeit nach dem schwarzen Gold haben und solche Firmen erst (so) gross machen… wieviele der Leute, die jetzt lauthals schreien fahren täglich unnötig Auto etc??? Keine Frage, ich stelle mich gewiss nicht auf die Seite von Erdölfirmen, ich stehe in der Mitte, habe kein Auto, aber vermutlich verwende auch ich täglich Sachen, die von Öl abhängen… hoffen wir, dass die Menschen daraus etwas lernen
(
hallo karsten, gut aufbereitet. spannender punkt: bp hat keine zeit, ein twitter-account zu sich zurück zu holen? aber für eine grossangelegte print-imagekampagne hat man zeit und geld. und das, bevor das loch zu ist, das öl an den stränden liegt und während der ceo durch statements stolpert… siehe http://adage.com/article?article_id=144196
[...] nie dazu? (fuellhaas.com) Lesenswert (4): Nestlé’s Reputationsverlust in Zahlen (fuellhaas.com) BP – das Web schlägt zurück (fuellhaas.com) Wenn Kunden mein Marketing übernehmen… (fuellhaas.com) Reputation Newsletter / alle 14 Tage neu [...]
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