Euroweb versus nerdcore.de: Der Ton macht die Musik

Im deutschsprachigen Web tobt der Shitstorm. Der Webdienstleister Euroweb hat in einem Gerichtsverfahren die Domain nerdcore.de pfänden lassen. Der unter dieser Domain erreichbare Blog wurde somit vom Netz genommen. Auf Blogs und Foren ist wieder mal eine Diskussion um die Meinungsfreiheit entbrannt. Viele Blogger und Kommentatoren stellen sich auf die Seite von nerdcore-Blogger Rene Walter und verdammen Euroweb als die „Bösen“. Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse gibt es bei netzpolitik.org und eine rechtliche Einschätzung findet man bei rechtzweinull.de.

Ein paar Beispiele zum Thema Meinungsfreiheit:

Und wenn ich mir ein Produkt von Firma XY kaufe und zuhause feststelle, dass dieses Produkt “Scheisse” ist, dann will ich das auch verbreiten dürfen. Wo ich will, wie ich will, so lange ich will. Das ist Meinungsfreiheit. Und übrigens ein nützliches Korrektiv des ganzen Werbe-Bla-Bla, das Firmen mit großem finanziellen Aufwand in die Welt blasen. (Quelle)


(Quelle)

In der Selbsteinschätzung von Rene Walter wird der aktuelle Shitstorm das Ende des Unternehmens Euroweb bedeuten:


Quelle: http://blog.rebellen.info

Nun gibt es ja verschiedene Varianten, wie man als Unternehmen auf Kritik reagieren kann. Als Berater und Blogger habe ich bis jetzt immer den dialogorientierten Weg bevorzugt und Unternehmen wie Jack Wolfskin oder Nestlé kritisiert, die mit Abmahnungen und Kommentarlöschungen versuchten, ihre Ziele zu erreichen. Getreu dem „Streisand-Effekt“ führte dies immer zu einer Eskalation und erhöhter medialer Aufmerksamkeit und zu einem „PR-Gau“ für das betroffene Unternehmen.

Euroweb hat sich im konkreten Fall ebenfalls entschieden, den juristischen Weg zu gehen und nimmt dafür einen kurzfristigen Shitstorm und einen Knick in ihrer Online-Reputation in Kauf. Die potentiellen Kunden von Euroweb sind nach eigenen Angaben kleine und mittelständische Unternehmen. Von denen werden die meisten Verständnis dafür haben, dass Euroweb sich zur Wehr gesetzt hat, denn die meisten hätten wohl an Euroweb’s Stelle auch nicht anders gehandelt.

Nachdem ich die fraglichen Äusserungen von Rene Walter über die Arbeit von Euroweb gelesen habe, komme ich zum Schluss, das es richtig von Euroweb war, sich zu wehren. Im Umgang mit Kritik zeigt sich immer, wie sehr ein Unternehmen die Mechanismen von öffentlicher Diskussion im Social Web verstanden hat. Dies gilt, wenn es um berechtigte oder in einem zivilisierten Umgangston geäusserte Kritik geht. Mit Ausdrücken wie „Dreck“, „Reibach machen“ oder „Pfuscher“ wird jedoch einem Unternehmen unterstellt, es liefere bewusst und betrugsmässig schlechte Arbeiten zu überhöhten Preisen ab. Und das muss sich kein Unternehmen gefallen lassen – ehrlich gesagt würde ich auch nicht wollen, dass über meine berufliche Tätigkeit so gesprochen würde.


Auszug aus Urteilsbegründung. Quelle: rechtzweinull.de

Derartige Äusserungen sind von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt, sondern fallen in Deutschland und in der Schweiz unter den „unlauteren Wettbewerb“. Wenn Rene Walter schlauer gewesen wäre und nicht wie ein „Wutblogger“ drauf los geschrieben hätte, hätte er seine Kritik auch anders formuliert vortragen können. Dies hätte ihm vielleicht viel Ärger erspart. Aber mit „Reibach machen“ und „Pfuscher“ hat er dem Richter genug Angriffspunkte geliefert.

Das Euroweb zum Eintreiben der Vefahrenskosten nun auf eine Pfändung der Domain bestanden hat, gibt der ganzen Sache einen fahlen Beigeschmack. Zu ihrem Geld hätten sich sicher auf andere Weise kommen können. Die Verantwortung dafür, dass die Domain gepfändet wurde, trägt Rene Walter selber, da er sich um das gerichtliche Verfahren nicht gekümmert hat. Voreilige Solidarisierungen von Bloggern sind da meines Erachtens nach fehl am Platz.

Euroweb scheint an nerdcore.de ein Exempel statuieren zu wollen und zeigt auf der neuen provisorischen Webseite, wer hier dem Blogger den Meister gezeigt hat. Anders kann ich mir die Überschrift „Neue Erfahrung für Blogger: Blogbetreiber verliert seine Domain nerdcore.de“ nicht erklären. Im eigenen Interesse hätten sie sich diese Häme sparen müssen.

Denn wer sich auf juristischem Weg gegen seine Kritiker durchgesetzt hat, sollte sich nicht noch im Erfolg suhlen…


Quelle: stock.xchng

…sonst wird schnell ein Eigentor daraus.

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10 Kommentare

  1. agentorange sagt:

    Zustimmung.

    Ich betrachte das Statement von Euroweb auf nerdcore.de als subtile Drohung an alle Blogger, nicht negativ über sie zu berichten. Insbesondere die Rede von einer “neuen Erfahrung für Blogger” spricht Bände.

    Aber gut, wenn sie denn meinen. Ich freue mich schon darauf in jedem dritten Vortrag der re:publica11 von Euroweb zu hören ;-)

  2. Marktbegleiter sagt:

    Alles richtig, was Sie schreiben. Aber, haben Sie im Vorfeld ein wenig zu der Firma recherchiert? Ist da irgendwas aufgefallen? Könnte man sagen, dass die Reaktionen der Leute eventuell mit dem ähm, interessanten Geschäftsmodell der “Refenzkunden”-Telefon-Akquise zu tun haben?

    Und wie hat diese Firma denn in der Vergangenheit den “offenen Dialog” mit anderen gehandhabt?

  3. Frank sagt:

    Völlig korrekte Einschätzung. Ich hätte ihn auch abgemahnt und ggf. verklagt.
    Und was die Domainpfändung angeht: Das liegt eigentlich auf der Hand. Denn was hat man schon in der Hand, wenn man sich vor Gericht durchgesetzt hat? Einen Titel. Bis der aber durchgesetzt wird, kann es Jahre dauern – je nach Schuldner. Jahre, in denen die Verfolgung der Angelegenheit nicht nur kostet, sondern vor allem nervt.
    Und wenn man dann einen “Vermögenswert” so auf dem Silbertablett präsentiert bekommt…

    Dabei habe ich keinerlei Sympathien für Euroweb, deren Angebot, Produkt, Geschätsmodell…

  4. MrFreaked sagt:

    Guter Artikel, betrachtet sachlich verschiedene Punkte – leider fehlt das bei den meisten “Nachrichten”, die man darüber liest

  5. Karsten Füllhaas sagt:

    @Marktbegleiter: Ich habe natürlich über das Unternehmen recherchiert. Für den vorliegenden Blogbeitrag habe ich mich jedoch auf die Sache mit nerdcore.de konzentriert, bzw. auf die Art und Weise wie von Rene Walter die Kritik vorgebracht wurde.

  6. [...] Artikel zu diesem Thema – Die Macht der Blogger? – Euroweb versus nerdcore.de: Der Ton macht die Musik – Natürlich nehmen wir Geld! Aber doch nicht von jedem. Dieser Beitrag wurde unter Internet, [...]

  7. [...] Euroweb versus nerdcore.de: Der Ton macht die Musik Differenzierte Einschätzung des aktuellen Shitstorms von Karsten Füllhaas (tags: krisenkommunikation) [...]

  8. [...] Summe ist das ein gewaltiges PR-Disaster für Euroweb, dessen Ergebnisse sich wohl noch sehr lange bei Google & Co. finden werden. Spötter möchten meinen: [...]

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